Da kommt ein kleiner Bruder zur Welt. Was kann man tun als Sechsjährige? Der Bauch meiner Mama wächst und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Mama näht und häkelt. Das lockt mich. So schwer kann das wohl nicht sein. Die Neugier lockt mich an die Häkelnadel und das erste Mützchen entsteht. Für meinen kleinen Bruder, der es tapfer getragen hat. Zum Glück, dass er damals noch so klein war, um sich heute nicht mehr zu erinnern, dass ich ihm eigentlich etwas schuldig bin... ;)
Naja, das ist über fünfzig Jahre her. Inzwischen hat nicht nur er etliche Strickstücke von mir erhalten. Ich stricke täglich. Und das meine ich wörtlich. Stricknadeln in meinen Händen beruhigen mich. Sie führen mich in meine Mitte, wie bei andern Menschen Yoga und anderes. Oft stricke ich ohne Plan und staune, was aus dem Garn in meinen Händen entsteht. Mützen, Schals und anderes sind Produkte der Ideen in meinem Kopf, die erst gar nicht den Weg über das Bewusstsein wählen.
Am Anfang meiner Handarbeitskarriere war das natürlich noch anders: Mein erster Rollkragenpulli war wunderschön, hellgrau mit einem Wickelmännchenmuster. Das einzig nicht so schöne daran war, dass der Halsausschnitt so eng war, dass mein Kopf nicht hindurch passte. Was mich veranlasst hat, ihn zu entsorgen und neu zu beginnen. Damals gab es noch keine Tutorials und niemand hat mir gezeigt, wie ich es besser hätte machen können. Doch selbst ist die Frau. Die meisten Fertigkeiten in meinem Leben habe ich mir autodidaktisch erworben. Es ist einfach so, dass ich gerne selbst herausfinde, wie ich zum Ziel komme. Nachmachen ist nicht so mein Ding. Wie sollte es auch? Hat doch nie jemand etwas so gedacht, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Deshalb findet ihr in meinem Shop Dinge, die meiner Fantasie entspringen. Und davon habe ich viel!
Früher habe ich als Krankenschwester gearbeitet. Da brauchte ich das Nadelspiel, um abends meine Gedanken zu sortieren. Dann habe ich eine Familie gegründet. Vier Kinder, die gekleidet werden wollten! Welch eine Wonne! Von der selbstgenähten Bettwäsche, den gehäkelten Gardinen über Hosen und Kleidchen, ich habe alles selbst kreiert.
Inzwischen bin ich seit über einem halben Jahrhundert täglich im Garn verwoben. Unser Wohnzimmer hat keinen Schrank, es hat Wollregale. Vorrat, der mein Herz beglückt. Und ich stricke nicht mehr nebenher, sondern hauptsächlich. Was auch immer das Herz begehrt, bzw. der Kunde wünscht, es fließt aus meinen Händen.
Im Winter bin ich auf Weihnachtsmärkten unterwegs. Zuhause finden Woll-Fühl-Abende statt, bei denen man probieren kann, was einem steht und gefällt. Mützen, Schals, Handschuhe, Socken mit Kaschmir und aus Schurwolle, Socken to go im Glas, Geschenkartikel, Babywäsche... alles, was man sich vorstellen kann. Und nun, da ein Enkel zur Welt kommt, ist die Tür zu Babybedarf aufgestoßen: Nestchen für die kleinen Betten entstehen, die gleichzeitig als interaktive Spielnester fungieren können...
Seit einiger Zeit führe ich nun einen bei der Handwerkskammer Kassel eingetragenen Betrieb. *Ton in Ton 4 you*. Mal sehen, was noch alles aus diesen Fingern wächst. Bleibt gespannt, ich bin es auch.
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